Reichenbach – eine der drei Bollenhutgemeinden

In den Dörfern Gutach, Kirnbach und Reichenbach des bis 1810 württembergischen Oberamtes Hornberg ist die Bollenhuttracht zu Hause, von vielen als die Schwarzwälder Tracht schlechthin angesehen. Auffallendstes Merkmal der „Gutacher Tracht“, wie sie nach dem größten der drei Dörfer genannt wird, ist der Bollenhut, ein mit weißer Leimmasse gefestigter Strohhut, auf den in Kreuzform elf große und drei nur im Ansatz erkennbare Wollbollen aufgenäht sind. Das Gewicht des Hutes beträgt 1,5 kg.

Ledige tragen den roten Bollenhut von der Konfirmation bis zur Hochzeit; die verheiratete Frau hat einen Hut mit schwarzen Bollen. Unter dem Bollenhut die Reichenbacherin eine schwarze Seidenkappe, die von einem Spitzenschleier gesäumt wird. Für den guten Sitz der Kappe sorgen zwei schmale schwarze Bänder, die um den Kopf geschlungen und gebunden werden. Die Zöpfe sind mit langen violetten Bändern durchflochten. Die Mäschle, ein kurzer dicker Zopf aus buntem Flitterzeug und Perlen, ergänzt den Haarschmuck.

Der Rock besteht aus schwarzem, glänzend appretiertem Wifel, einem Gewebe aus Hanfgarn und wollendem Zettel. Wifel ist eine billige Stoffart, die vom Faden bis zum Endprodukt von der Landbevölkerung selbst hergestellt werden konnte. Durch das Appretieren erreichte man einen seidenähnlichen Charakter. An den Rock angenäht ist das „Libli“ (Mieder) aus Samt mit eingewebten Blümchen. Über dem Mieder wird das „Goller“ getragen (Koller; vergleiche auch Kollar, das ist ein liturgisches Schultertuch). Das Goller besteht aus geblümtem Samt und ist mit bunten, bestickten Bändern benäht. Die Bänder sind rot, grün, blau, violett und schwarz.

In die Bänder stickte man früher eine Jahreszahl, auch das Monogramm der Trägerin, eine Krone sowie andere Symbolzeichen. Geblieben ist das Sonnensymbol, der Lebensbaum und andere Heilszeichen.

Damit ist der Bezug zum Volks- bzw. Aberglauben angedeutet. Der Halskragen ist mit fünf bis sechs Reihen Flitter und kleinsten Perlen („Flenderli“) besetzt. Das weiße Hemd mit den Puffärmeln belebt die Tracht. Der Schobe, eine kurze Jacke mit langen Ärmeln, besteht aus schwarzer Seide oder schwarzem Tuch und ist mit rotem Wollstoff abgefüttert.

Zu Beerdigungen trug man früher Schoben aus nichtglänzendem Kaschmir. Werktags trat an die Stelle des Schoben ein kurzer „Peter“ aus billigem Stoff. Zur Bollenhuttracht gehören schließlich die gefältelte schwarze Seidenschürze, das „Fürtuch“, weiße „hasenhärene“ Strümpfe (beim Stricken werden der Wolle Seidenhasenhaare beigegeben) und weit ausgeschnittene flache Schuhe, die „Watsche“. Als Hochzeits- und Festtagsstaat trägt die Reichenbacherin die Schäppeltracht. Der Schäppel gehört zu den ältesten Trachtenteilen, ist in ganz Mitteleuropa bekannt und reicht in seinen Urformen als Brautkranz ins Mittelalter. Der Gutacher Schäppel nimmt in der Größe ein Mittelmaß zwischen dem kleinen aus St. Peter und dem übergroßen aus St. Georgen. Das Wort Schäppel kommt von „schapel“ (mittelhochdeutsch), von dem auch das französische „chapeau“ abgeleitet ist. Der Gutacher Schäppel ist eine Krone aus bunten Glasperlen, Silberplättchen, Spiegeln und Glaskugeln.

Den Hals ziert bei der Schäppeltracht ein breiter gefältelter Leinenkragen, wie ihn Gelehrte und Leute hohen Standes in der Barockzeit trugen. In die Zöpfe werden breite Bänder geflochten, die fast bis zum Boden reichen. Zur Festtagstracht der Reichenbacherin gehören ein besonderer „Schäppelschoben“ und der „Steingürtel“. Dass der Schäppel gerade im Schwarzwald entstand, hat seine Ursache in dem alten Volkshandwerk der Glasgewinnung und Glasbläserei. Jahrhundertelang wurde in verschiedenen Teilen des Schwarzwalds aus dem dort vorhandenen Quarzsand Glas gewonnen und zu den Kunstwerken der Glasbläserei gehören auch diese Trachtenkronen, die Schäppel. Sie wurden bei Hochzeiten, Taufen und ähnlichen Anlässen von den unverheirateten Mädchen und Bräuten getragen.

Mag der Vater der Schäppel die Schwarzwälder Glasbläserei gewesen sein, so könnte diese Kopfbedeckung mütterlicherseits von den barocken Marienkronen abstammen, die im 18. Jahrhundert von Klosterfrauen mit bezaubernder Feinheit angefertigt wurden. Zum schwergewichtigen Kopfschmuck kamen bei der Trachtenträgerin noch schwere, mehrgliedrige Silberketten mit Anhängern um die Hüfte.


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